Die „geilste R(o)ute“ endet auf dem Hosenboden
Montag, den 16. Mai 2011 um 14:57 Uhr
Über 140 Nazis aus Berlin, Brandenburg, Köln, Sachsen, Thüringen und Niedersachsen versammelten sich am Samstagmittag am U-Bahnhof Mehringdamm, um durch Berlin-Kreuzberg zu marschieren. Polizei und Politik hatten die Nazidemo bis zuletzt versucht geheim zu halten und so antifaschistischen Protest zu verhindern. Bis zu 800 Gegendemonstrant_innen machten den Nazis jedoch ein Strich durch die Rechnung und ließen ihren konspirativ geplanten Überraschungscoup kläglich scheitern. Überschattet wurde der Tag von brutalen Angriffen von Nazis auf Migrant_innen, Gegendemonstrant_innen und Journalist_innen, die unter den Augen der über weite Strecken komplett überfordert wirkenden Polizei stattfanden und bei denen es zu zahlreichen Verletzen kam. Bilder von den Nazis, die sich an den Übergriffen beteiligten, sind inzwischen im Internet erschienen. Hinweise zu den abgebildeten Personen bitte an die angegebene Kontaktadresse: fightback[at]no-log.org. Eine versuchte Spontandemonstration in Berlin-Rudow endete für die Teilnehmenden buchstäblich auf dem Hosenboden, festgesetzt von der Polizei.
+++ Update +++ Inzwischen wurde auf der Seite www.antifa-berlin.info eine Aufstellung mit Fotos von allen 144 TeilnehmerInnen der Nazi-Demo am 14.05.11 in Kreuzberg ergänzt. +++
Versammlungsbehörde, Polizei und Landespolitik hatten ihr Bestes getan, den Nazis einen störungsfreien Aufmarsch zu ermöglichen. Sie verheimlichten die geplante Demonstration und versuchte auf diese Weise antifaschistischen Protest unmöglich zu machen. Dass diese Rechnung nicht aufging, ist lediglich der Indiskretion eines Nazis in einem großen Social Network zu verdanken. So begannen antifaschistische Gruppen am Freitag, nach Bekanntwerden des Vorhabens der Nazis, mit der Mobilisierung gegen den Aufmarsch. Am angenommenen Startpunkt, an der Kreuzung Mehringdamm/Columbiadamm, wurde ab 11.30 Uhr einen Gegenkundgebung angemeldet.
Der Tag
Als sich die ersten Gegendemonstrant_innen auf den Weg zur Gegenkundgebung machten, begannen auch die Nazis sich zu sammeln. An den Bahnhöfen Lichtenberg und Ostkreuz sowie an der Rudower Spinne trafen sich Gruppen von Nazis, um gemeinsam zum Startpunkt ihrer geplanten Demonstration zu fahren. Unklar blieb jedoch weiterhin, wo diese starten sollte. So kam es in der Folge zu einem Katz-und Mausspiel zwischen Polizei und Antifaschist_innen. Als bei der Gegenkundgebung am Platz der Luftbrücke die Meldung die Runde machte, es würden Nazis samt Lautsprecherwagen auf dem Hermannplatz stehen und sich auf einen Aufmarsch vorbereiten, begaben sich zahlreiche Antifaschist_innen zügig auf den Weg nach Berlin-Neukölln. Dort angekommen mussten sie jedoch feststellen, dass es sich offensichtlich um eine Finte gehandelt hatte. Der Lautsprecherwagen der Nazis hatte nach einem kurzen Zwischenstopp den Hermannplatz wieder verlassen, um zunächst den Platz der Luftbrücke und schließlich den Mehringdamm anzusteuern. Während sich rund um den Hermannplatz mehrere hundert Gegendemonstrant_innen versammelt hatten, fuhren die TeilnehmerInnen der neonazistischen Demonstration unbemerkt unter ihnen hindurch Richtung Kreuzberg. Am Steuer des, von vergangenen NPD-Veranstaltungen in Berlin einschlägig bekannten, blauen Bullis, befand sich der ehemalige Anführer der verbotenen Kameradschaft „Frontbann 24“ Uwe Dreisch, während der Anmelder und stellvertretende NPD-Landesvorsitzender, Sebastian Schmidtke, auf dem Beifahrersitz Platz nahm. Ebenfalls an Bord des VW-Busses befand sich der Neuköllner NPD-Bezirksverordnete Jan Sturm.
Um kurz nach 12.00 Uhr war schließlich klar, dass die Nazis ihre Demonstration am U-Bahnhof Mehringdamm beginnen wollen. Ca. 100 von ihnen hatten sich auf der Fahrbahn vor dem Kreuzberger Finanzamt versammelt und machten Anstalten sich zu einem Demonstrationszug zu formieren. Daraus wurde jedoch zunächst nichts, da Minuten nach Bekanntwerden des Auftaktortes mehrere hundert Gegendemonstrant_innen zum Mehringdamm geströmt waren und die Nazis von beiden Seiten blockierten. So blieb den größtenteils männlichen und nahezu ausschließlich schwarz gekleideten TeilnehmerInnen nichts anderes übrig, als zwischen Hamburger Gittern und umgeben von Gegendemonstrant_innen auszuharren. Unter ihnen befanden große Teile der Berliner Naziszene, u.a. Sebastian Dahl, Björn Wild, Sebastian Zehlecke, Stephan Alex, Diego Pfeiffer, Sandor Makai, Steve Hennig, Christian Schmidt, Matthias Hirsch, Marcel Königsberger (mit Megaphon), Gordon-Bodo Dreisch, Julian Beyer, Sebastian Thom, Jill Glaser, Robert Hardege, Roman Kiesche, Dennis Kittler und Hagen Labahn. Außerdem waren neben Nazis aus Potsdam bzw. Teltow-Fläming, wie Tobias Markgraf und Maik Schneider auch „Kameraden“ aus Köln (u.a. Axel Reitz), Sachsen und Niedersachsen (Dieter Riefling) zugegen. Die versammelten Nazis gebärdeten sich außerordentlich aggressiv und skandierten immer wieder rassistische Parolen, währenddessen fotografierten und filmten Anti-Antifas die Gegendemonstrant_innen ab. Neben den Berlinern Patrick Weiß, Christian Bentz und Andreas Thomä tat sich hier der aus der Nähe von Köln stammende Sebastian Ziesemann (beteiligt an dem Angriff aus das Hausprojekt „Praxis“ in Dresden am 19.02.2011) hervor. Als den Nazis die Ausweglosigkeit ihrer Situation zunehmend bewusst wurde, starteten sie eine verzweifelte Überraschungsaktion. Als sie von der Polizei durch den U-Bahnhof geleitet werden sollten, stürmten sie „Polenböller“ werfend in den U-Bahnhof und rannten unter der Blockade durch, um hinter den blockierenden Antifaschist_innen wieder aufzutauchen. Es kam zu unschönen Szenen: Der völlig überraschten Polizei gelang es nicht, Angriffe auf Antifaschist_innen und Journalist_innen zu unterbinden. Diese wurden von den Nazis mit Fäusten, Tritten und Flaschen attackiert. Nachdem es schließlich mit Mühe gelungen war die Nazis einzukesseln, drohte die Situation weiter zu eskalieren. Am Rande des Polizeikessels kam es immer wieder zu teils direkten Rangeleien mit Antifaschist_innen. Aus der Nazidemo flogen zudem mehrmals Böller in eine vor dem Aufzug befindliche Sitzblockade. Die Situation wurde für die im Kessel befindlichen Nazis zunehmend brenzlig. Als sich Anmelder Sebastian Schmidtke noch Speichel aus dem Gesicht wischen musste, setzte ein beständiger Regen aus Tomaten, Wasserbomben und Flaschen auf den zusammengedrängten Nazihaufen ein. Schließlich wurde die Nazidemo gegen 13.00 Uhr vom Veranstalter vorzeitig beendet.
Die Polizei bemühten sich nun die Nazis möglichst schnell in den U-Bahnhof Mehringdamm zurück zu verfrachten. Deren Weg zum U-Bahnhof geriet zum Spießrutenlauf und so ergriffen die Nazis freigeprügelt von der Polizei panisch die Flucht in den U-Bahnhof. Die Berliner Polizei versuchte offenbar ihrer Überforderung mit Brutalität zu kompensieren und setzte wiederholt Pfefferspray ein. Dabei kam es mehrfach zu rabiaten Festnahmen. Weitgehen unbehelligt hingegen konnten die Nazis bereits im Vorfeld im U-Bahnhof befindliche Passant_innen, die sie als Migrant_innen oder Linke ausgemacht hatten, angreifen. Nach Augenzeugenberichten kamen dabei Fahnenstöcke und Eisenstangen zum Einsatz. Vier Menschen wurden dabei so schwer verletzt, dass sie ein Krankenwagen ins Krankenhaus bringen musste.
Nachdem ihr Marsch durch Kreuzberg von Gegendemonstrant_innen erfolgreich verhindert worden war, bestiegen die Nazis am Mehringdamm die U-Bahn, die sie in Rudow wieder verließen. Ein Teil versuchte nun dort eine Spontandemonstration durchzuführen, die 30-40 köpfige Gruppe wurde nach wenigen hundert Metern auf dem Zwickauer Damm schließlich gestoppt. Nachdem sie die Polizei angegriffen hatten wurden sie festgesetzt und noch vor Ort erkennungsdienstlich behandelt. Die Anwesenden, unter ihnen Julian Beyer, erhielten Platzverweise bzw. wurden mit dem Bus direkt zurück ins Umland befördert. Die an der Rudower Spinne verbliebenen Nazis zogen schließlich unverrichteter Dinge ab. Ihre Abfahrt mit der U-Bahn verzögerte sich, da die Polizei den U-Bahnverkehr zwischen den Bahnhöfen Britz-Süd und Rudow unterbrochen hatte, um Gegendemonstrant_innen aus dem Gebiet fernzuhalten. Am Bahnhof Britz-Süd machte die Polizei immer wieder Jagd auf Gruppen von Antifaschist_innen.
Insgesamt kann sicher ein positives Fazit des Tages gezogen werden. Innerhalb von nur 24 Stunden konnten bis zu 800 Gegendemonstrant_innen mobilisiert werden, die sich als erfreulich beweglich und flexibel erwiesen. So konnte der Plan der Nazis, symbolträchtig durch Berlin-Kreuzberg zu marschieren, und dem Vorhaben von Polizei sowie Politik ihnen dieses möglichst ungestört zu ermöglichen, zu Nichte gemacht werden. Getrübt wird die Bilanz von dem politischen Skandal, dass Nazis am helllichten Tag unbehelligt in Berlin-Kreuzberg mit Eisenstangen Jagd auf Migrant_innen und Linke machen konnten, währenddessen sich die Berliner Polizei darauf konzentrierte mit äußerster Brutalität gegen Antifaschist_innen vorzugehen.
Die Fotos zum Artikel gibt es bei Indymedia. Weitere Fotos: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7.
Ein ausführliches Dossier [PDF] zum gescheiterten Naziaufmarsch in Kreuzberg gibt es vom apabiz.
Pressespiegel (Kein Anspruch auf Vollständigkeit):
Tagesspiegel [1/2/3], Störungsmelder [1/2/3], RBB [1/2/3], Mut gegen rechte Gewalt, Netz gegen Nazis, Hamburger Abendblatt, Märkische Oderzeitung, NPD-Blog, TAZ [1/2/3], Sächsische Zeitung, Junge Welt [1/2] Neues Deutschland [1/2] Berliner Morgenpost [1/2/3]


